Neue Vorgehensweisen versus klassisch bewährte Lehre

klassisch bewährte Lehre auch im Gelände

Es bewegt sich was im Land. Landauf und landab sind Reiter aktiv und verbringen mit ihren Pferden viel Frei- Zeit. Heute spielt das Pferd vor allem in der Freizeitgestaltung eine Rolle. Früher waren Pferde vor allem für Bauern überlebenswichtig und wurden weniger als Reitpferd genutzt. Die frühen Freizeitturniere wurden an den Wochenenden auf dem Feld ausgetragen, bei denen die Bauernkinder gegeneinander antraten.

Seitdem hat sich viel verändert.

Der Turniersport hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm entwickelt. Zum Einen liegt das an den veränderten Zuchtzielen und zum Anderen an der Qualität der teilnehmenden Reiter.

Wo viele Menschen viel Zeit und Energie investieren wird auch Einiges an Geld ausgegeben.

Deshalb wächst die Reitsportbranche genauso wie die Futtermittelindustrie. Ähnlich wie beim menschlichen Nachwuchs wird manch schlechte Gewissen in teures Futter investiert. Allein die Futtermittelhandlung meiner Umgebung hat in den 17 Jahren, in denen ich sie kenne, das Pferdesortiment verdreifacht. Jeder Hersteller bietet für jedes Problem das passende Futter an.

Nur werden die Pferde dadurch selten gesünder. Die meisten Stoffwechselprobleme sind futter- und hausgemacht. Profaner Hafer mit Mineralstoffpellets, bei schwerfuttrigen Pferden mit Beimischung von Strohhäcksel, wird heute kaum noch gefüttert. Warum auch? Das wäre doch einfach und letztendlich zu billig. Jedes Pferd muss das xy Müsli von Firma Z haben. Melasse, Zucker- und Geschmacksstoffe inklusive.

Im Sinne des Pferdes wäre die klassische Fütterung vielleicht doch überlegen. Im Sinne des Reiters vielleicht auch: hier geht zum Artikel Ernährung für Reiter.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass vielerorts einfach zu einfach ist.

Für jede Meinung findet sich Jemand, der diese lautstark vertritt. Im Internet und in den sozialen Medien wird haufenweise geschimpft. Über die FN, über die Reitlehrer, über die Sattler, die Hufbearbeiter. Jeder möchte für sein eigenes Pferde- oder Reiterproblem seine eigene schwer verdiente Lösung präsentieren können. Neue Vorgehensweisen versus klassisch bewährte Lehre.

Häufig geht es um eine gute Selbstdarstellung.

Und dafür ist es immer gut, auf andere zu schimpfen. Dabei wissen die Redner oft gar nicht, wen und welchen Inhalt sie gerade zitieren.

Beispielsweise lese ich in Artikeln, die sich mit der Gesunderhaltung des Pferdes beschäftigen, vom sogenannten Bügeltritt. Der dem Pferd hilft, sein Gewicht so zu verlagern, dass es die tragende Rumpfmuskulatur aktivieren kann. Das neue Zaubermittel wird in den häufig in Vergessenheit geratenen “Richtlinien für Reiten und Fahren” der FN als einseitige Gewichtshilfe beschrieben.

“Die einseitige Gewichtshilfe ist bei allen Lektionen, bei denen das Pferd gestellt oder gebogen ist, eine wichtige Unterstützung der Zügel- und Schenkelhilfe. Beim gut ausgebildeten Pferd sogar die entscheidende Hilfe. Der Reiter verlagert sein Gewicht mehr auf den inneren Gesäßknochen. Dabei senkt sich die Hüfte geringfügig und das nach wie vor gewinkelte Knie erhält eine tiefere Lage. …

Der Reiter muss auf der jeweiligen Seite den Bügel vermehrt austreten. Durch diese Gewichtshilfe wird das gut gerittene Pferde aufgefordert, durch entsprechendes Abwenden das gemeinsame Gleichgewicht mit dem Reiter beizubehalten.”


“Richtlinien für Reiten und Fahren, Grundausbildung des Reiters” der FN, Auflage 1997

Wozu in die Ferne schweifen?

Denn das Gute liegt in Form von Literatur und klassischen Reitlehrern oft nah. Da braucht man für ein gut gerittenes Pferd weniger den Pferdeflüsterer, sondern Zeit und Bereitschaft, in eine gute Grundausbildung zu investieren.

Dass das absolut notwendig ist, habe ich gerade letzte Woche im Ponycamp Glau gesehen. Auf dem großen und schön angelegten Geländeplatz wurde für die Prüfung des Reitpasses geübt. Dafür hatten einige Gastkinder ihre eigenen Ponies mitgebracht.

Aber die waren für die Aufgabe zu wenig vorbereitet: am zweiten Übungstag begann ein Pony so lange zu bocken, bis seine Besitzerin unten lag. Das Andere ließ sich kaum überzeugen, seine Runden in dem Tempo zu absolvieren, das seine Reiterin vorgeschlug.

Wenn mehr oder weniger ausgebildete Pferde ihre Reiter herunterbocken, ist das unschön. Wenn das an der ungewohnten Umgebung und dem Umstand liegt, dass die Reitpässler auch üben müssen, sich flott von der gesamten Gruppe zu entfernen, ist das eine Erklärung.

So oder so sorgt das für Frust beim Kind.

Aber wenn der Schluss nahe liegt, dass die Ponies zu wenig ausgebildet sind, um gute Partner zu sein, ist das schade. Denn eigentlich sollen Kinder lernen, entspannt und selbstverständlich auf dem Tier zu agieren. Den Kindern kann man keinen Vorwurf machen, denn sie bekommen die Ponies von ihren Eltern. Aber die müssten verantwortungsbewusst handeln. Entweder müssen sie ein älteres, gut ausgebildetes Pferd kaufen. Oder sie müssten durch Beritt und Unterricht dafür sorgen, dass das Team Kind/Pony funktionieren kann.

Beides wird oft vernachlässigt. Auch bei Erwachsenen und Großpferden.

Neue Vorgehensweisen versus klassisch bewährte Lehre passt auch hier!

Denn man sagt nicht umsonst, dass ein junger Reiter auf ein altes Pferd gehört und ein alter Reiter auf ein junges Pferd.

Dagegen finde ich richtig traurig, wenn die Pferde durch falsches Reiten irgendwann Rückenschmerzen haben oder so unrund laufen, dass es zu den heftigen Reaktionen kommt. Dann kommt es zu Tränen und letztendlich zu Angst. Auch beim Pferd. Die aber oft nicht gesehen wird. Das kann nicht im Sinne eines verantwortungsvollen Umgangs sein.

Als die Kinder dann auf den ponyhofeigenen Pferden saßen, veränderte sich alles: Der vorsichtige Sitz und die Einwirkung wurden selbstbewusster. Auch ein Strahlen machte sich auf den Gesichtern breit, wenn es gut klappte. So kann man reiten lernen.

Wenn das Pferd die Reaktionen spiegelt und auf die richtigen Hilfen reagiert. Eher weniger wenn man sich auf sein Pony nicht verlassen kann. Das führt zu Angst. Auch bei Erwachsenen mit ähnlich wenig ausgebildeten Pferden.

In diesem Sinne, passt auf Euch und Eure Pferd auf!

Corinna von ReitClever

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.