Bewerten ohne abzuwerten im Reitunterricht– geht das?
Neues von ReitClever, Oktober 2026

Wir hatten Anfang Oktober tolle Tage auf Rügen – bei traumhaftem Herbstwetter, klarem Licht und in besonders guter Stimmung. Die 3. Ergänzungsqualifikation Fitness und Gesundheit waren vier intensive Tage mit tollen Teilnehmerinnen, die sich wirklich aufeinander eingelassen haben. Sie kamen aus Leipzig, Berlin Brandenburg und dem Rheinland. So war gute Laune vorprogrammiert.
Beispielsweise haben sich an einem Tag erfahrene Trainer gemeinsam mit angehenden Trainerinnen Ausbildungsinhalte miteinander erarbeitet. Wissen von beiden Seiten und das Ganze auf Augenhöhe. Genau so soll Lernen sein.
Und am Ende dieser Tage ist eine Diskussion entstanden, die mich immer wieder beschäftigt.
Die Reitschule auf der Insel arbeitet mit Kindern und Erwachsenen – auch mit Familien aus sozialen Brennpunkten, in denen das Geld oft knapp ist. Familie Hermann bemüht sich seit Jahren um eine wertfreie Feedbackkultur.
Gleichzeitig nutze ich als Physiotherapeutin gern Skalen, um Dinge objektiv einschätzen zu lassen: Schmerz, Bewegungsausmaß, die Qualität einer Fortbildung, die Zufriedenheit eines Pferdes.
Und in der Vorbereitung für den Abschluss tauchte sie auf, die Frage aller Fragen, wenn man lehrt:
Wie kann ich objektiv bewerten – ohne den Menschen als solchen abzuwerten?
Warum diese Frage so brennt
Vielleicht kennst du das aus eigener Erfahrung: Ein Trainer bekommt in der Prüfung ein „ausreichend“ – im Reiten oder im Unterrichten – und fühlt sich im Anschluss klein.
Ein Kind wird im Reitunterricht korrigiert und zieht sich zurück, weil sich die Korrektur so anfühlt wie eine schlechte Schulnote.
Eine erwachsene Reiterin hört „das war nicht gut“ – und im Inneren meldet sich ein alter Satz: „Ich genüge nicht.“
Unser Nervensystem unterscheidet nämlich nicht zwischen „Skala zur Information“ und „Skala als Urteil über mich“.
Bewertung kann sich anfühlen wie eine Bedrohung. Dann verspannt sich der Körper, bereit zum Rückzug oder für eine laute Verteidigung. Gerade Menschen, die seit der Kindheit häufig Defizite zugeschrieben bekamen, reagieren darauf besonders empfindlich. Nicht, weil sie „nicht kritikfähig“ wären. Sondern weil ihr System gelernt hat, wachsam zu sein.
Und trotzdem brauchen wir Maßstäbe
Ehrlicherweise gehört auch die andere Seite dazu. Eine Reitschule muss Gruppen nach Leistungsstand einteilen – nicht aus Bewertungslust, sondern weil es um ein lebendiges Tier und um körperliche Sicherheit geht.
Eine Prüfung muss entscheiden können, ob jemand die Inhalte verstanden hat und sicher unterrichten kann. Sonst ist das Zertifikat nichts wert – auch nicht für die Person, die es erhält.
Und Fortschritt wird erst sichtbar, wenn man ihn irgendwie festhalten kann. „Vor acht Wochen warst du bei 3 von 10, heute bei 6“ ist ehrlicher und motivierender als ein vages „wird schon besser“.
Transparente Kriterien schützen übrigens gerade diejenigen, die es sonst am schwersten haben – vor Willkür und Sympathie-Entscheidungen.
Also: Bewertung abschaffen? Nein.
Aber vielleicht müssen wir die Frage anders stellen: Nicht „ob“, sondern „wozu“.
Der Konflikt wird unlösbar, wenn wir fragen: Bewerten oder nicht bewerten?
Er wird lösbar, wenn wir fragen: Wozu dient diese Bewertung gerade?
Es gibt zwei völlig verschiedene Situationen:
Lernfeedback ist laufend da. Es soll entwickeln, nicht urteilen. Sein Maßstab ist der eigene Weg.
Prüfung ist ein einmaliger, angekündigter Moment mit festen Kriterien. Sie darf eine Schwelle sein.
Schmerz entsteht fast immer dann, wenn Prüfungs-Sprache in Lernsituationen einfließt – wenn zum Beispiel im Reitunterricht unangekündigt „benotet“ wird, anstatt eine Richtung zu entwickeln.
Wege, die beides verbinden
Ein paar Ideen, die ich aus der Diskussion und aus meiner Arbeit mitnehme:
Kann-Beschreibungen statt Noten. Nicht „das war eine 4“, sondern: „Ich kann im Trab aussitzen, ohne mich an den Zügeln festzuhalten – noch nicht.“ Ein Kompetenzraster bewertet Verhalten, nie den Menschen und der kleine Zusatz nimmt den Druck ´raus.
Der eigene Weg als Maßstab. Objektiv heißt nicht „im Vergleich zu anderen“. Objektiv heißt nachprüfbar. Und nichts ist nachprüfbarer als dein eigener Fortschritt.
Selbsteinschätzung zuerst. „Wo setzt du dich heute auf der Skala von 1 bis 10 – und warum?“ Wer sich selbst einschätzt, behält die Hoheit über die Bewertung. Ein Trainer kalibriert nur noch.
„Noch nicht“ statt „nicht“. Ein einziges Wort macht aus einem Urteil einen Weg.
Erst wahrnehmen, dann entwickeln. „Ich sehe: Dein Schenkel liegt ruhig. Nächster Schritt: …“ Kein Urteil dazwischen.
Angekündigte Bewertung. Die Unsicherheit, ob man gerade bewertet wird, ist giftiger als jede Bewertung. „Jetzt ist Lernzeit“ und „In vier Wochen ist Prüfung“ dürfen klar getrennt sein.
Ein weiterer Ansatz: Leistungssport ist nicht der Maßstab für alle
Wir alle kennen und wissen, dass es in den großen Verbänden und Gremien fast nur um Zahlen, Platzierungen und Turnierergebnisse geht. Aber wie relevant sind diese Daten für die Masse aller Reiter?
Nur etwa 5–10 % aller Reiter sind im Leistungssport unterwegs. 90–95 % reiten Breitensport – und viele ganz bewusst außerhalb jedes Notensystems.
Wenn der Turniersport Maßstäbe setzt, lautet die Schlussfolgerung, dass fast alle automatisch „nicht gut genug“ sind. Dabei sind ihre Ziele völlig andere: Freude. Gesundheit. Beziehung zum Pferd. Ein Ausgleich zum Alltag.
Diese 90–95 % brauchen nicht weniger Maßstab – sie brauchen einen anderen:
Ist dein Pferd zufrieden?
Bewegst du dich freier als vor einem halben Jahr?
Kommst du gern in den Stall?
Wirst du deinem Pferd als fairer Partner gerecht?
Eine Reiterin, die nach einem Jahr noch mit leuchtenden Augen kommt und deren Pferd entspannt durch die Halle geht, hat im Basissport „mit sehr gut bestanden“.
Und das Pferd?
Übrigens gilt all das Genannte auch für unsere Pferde.
Auch sie erleben Bewertung – über unsere Hände, unsere Schenkel, unsere Stimmung. Auch sie lernen besser aus klarer Information als aus Druck.
Und wenn wir die Zufriedenheit des Pferdes auf einer Skala einschätzen, ist das keine Abwertung der Reiterin. Es ist Fürsorge für das Tier – und ein ehrlicher Spiegel, der uns weiterbringt.
Falls Du Lust hast, dich genau in diesem Bereich zu engagieren. Der Deutsche Reiter- und Fahrerverband reagiert auf dieses permanente Dilemma. Er richtet in diesen Tagen eine eigene Fachgruppe für den Breitensport ein. Der Startschuss fällt am 31.10.2026 in der Reitschule Viervitz auf Rügen. Denn der Breitsport sucht Mitstreiter. Für genau solche Diskussionen und die Belange derjenigen, die sich nicht über Leistung, sondern über Spaß am Pferd definieren. Auch für diejenigen muss es Bewertungskriterien geben, die das Pferd schützen. Denn das sollte unser oberstes Ziel sein, dass unser Partner mit uns und durch uns gesund wird.
Ein kleiner ReitClever-Moment für heute
Bevor du das nächste Mal Feedback gibst – als Trainerin, als Reitbeteiligung, als Elternteil am Platzrand – oder selbst welches bekommst, probiere diese drei Sätze:
Was sehe ich gerade – ohne es zu bewerten?
Was ist der nächste sinnvolle Entwicklungsschritt?
Dient diese Rückmeldung dem Lernen – oder einem Urteil?
Vielleicht verändert dieses Vorgehen mehr als jede neue Methode.
Termine im Herbst
Anfang November bin ich zum Kurs in Velten bei Berlin und am 28.11.2026 geht es in Pasewalk wieder um mein Lieblingsthema „Gesund reiten für Reiter und Pferd“ . Besser gesagt um Rücken, Becken, Sattel und Bewegung im Zusammenspiel. Wir schauen nicht nach der einen perfekten Sitzposition, sondern um die Frage: Wie bewegt sich dein Pferd, wie organisiert sich dein Körper, und was unterstützt euch beide?
Alle Infos findest du unter dem unterstrichenen Link oben oder im Shop unter ReitClever kannst Du noch Tickets buchen.
Und die nächste Ergänzungsqualifikation Fitness und Gesundheit findet vom 06.05,2027 bis zum 09.05.2027 wieder in Viervitz statt. Wenn dich das Thema interessiert, schau gern auf die Seite zur EQ Fitness und Gesundheit.
Auf der Seite Fitnesscheck für Reiter kannst du schnell und kostenfrei überprüfen, welche Fähigkeiten für einen guten Sitz bei dir gut ausgeprägt sind oder woran du vielleicht noch etwas arbeiten möchtest.
Ein letzter Gedanke für dich
Vielleicht wurdest du früher oft bewertet – in der Schule, im Sport, in der Familie. Vielleicht sitzt dir diese Bewertung auch heute noch im Nacken, wenn du aufsteigst oder dich vor einer Gruppe präsentierst.
Dann darfst du wissen:
Jeder Ritt darf ein Lernraum sein – kein Prüfungszimmer.
Für dich. Für dein Pferd und vor allem für eure gemeinsame Entwicklung.
Und falls Du als Ausbilder neue Impulse suchst: die Seite „Für Ausbilder“ auf ReitClever beschäftigt sich genau mit solchen Themen und anderen Dingen, die deinen Unterricht wirkungsvoller machen.
Sonnige Herbsttage wünsche ich dir,
Corinna von Reitclever
P.S.: Wenn du aus diesen Zeilen nur eine Sache mitnimmst, dann diese: Das Wort „noch“ ist klein, aber es verwandelt ein Urteil in einen Weg. „Ich kann das nicht“ – oder: „Ich kann das noch nicht.“ Dein Nervensystem hört den Unterschied.
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