37 Grad, 15 Grad, Regen – Wie gesund ist Reiten? Neues von ReitClever August 2026

Der August 2026 hatte es in sich. 37 Grad im Schatten. Die Luft stand und man schwitzte schon beim Nichtstun. Unweigerlich mit der Frage: Kann ich heute reiten? Sollte ich? Oder lasse ich es besser?
Dann fast über Nacht der Wechsel: 15 Grad nachts, Regen, Wind. Von „bloß nicht zu viel“ zu „hoffentlich wird keiner klamm“ innerhalb weniger Tage. Solche Wetterwechsel fordern Pferde körperlich und nervlich. Kreislauf, Muskulatur, Thermoregulation, Insekten, Herde und Trinkverhalten spielen zusammen.
Und genau da beginnt für mich das eigentliche Thema: Gesundes, pferdefreundliches Reiten. Nicht als „du darfst nie wieder dies“ sondern als ehrliche Frage: Wie können wir Pferde bewegen, fördern und reiten – ohne ihre Gesundheit und unsere eigene aus dem Blick zu verlieren?
Pferdesport abschaffen – oder genauer hinschauen?
Immer wieder taucht die emotionale Grundsatzfrage auf: Sollte man Pferdesport verbieten? Gerade wenn große Turniere laufen, Bilder diskutiert werden oder extreme Wetterlagen auftauchen.
Ich finde diese Frage wichtig. Aber sie wird mir oft zu schnell gestellt und beantwortet. Denn zwischen „Pferdesport ist grundsätzlich schlecht“ und „das war schon immer so“ liegt ein großer Raum. Genau dort passiert das, was wirklich zählt: Haltung, Training, Wissen und Verantwortung.
Nehmen wir beispielsweise die Pferde, Reiter und Voltigierer der Weltreiterspiele in Aachen 2026. Ihr wisst, dass ich ein großer Fan der Voltis bin. Und ja, ich habe den Nationenpreis im Fernsehen live verfolgt 😊. Auch dort hat sich viel getan.
Die Beteiligten aller Disziplinen sind Hochleistungssportler. Richtig ist, man sollte im Leistungssport kritisch hinschauen. Immer. Doch wird ein Pferd auf diesem Niveau nicht einfach irgendwie bewegt, gefüttert und versorgt. Es erhält Trainingsplanung, Regeneration, tierärztliche Betreuung, Physiotherapie, Huf- und Futtermanagement, Kühlkonzepte, Pausen und Belastungssteuerung. Wahrscheinlich läuft dabei nicht alles perfekt. Aber die Grundidee ist klar: Ein Pferd, das leisten soll, muss wie ein Athlet behandelt werden.
Ehrlich gesagt wünsche ich mir diese Haltung öfter. Denn schauen wir auf das andere Ende der Skala: das Freizeitpferd. Ein Pferd, das wahrscheinlich nicht in Aachen läuft. Das keinen Groom hat und nicht reist. Das vielleicht „nur“ zwei- oder dreimal pro Woche geritten wird.
Und das steht im Sommer bei 37 Grad im Offenstall, manchmal ohne echten Schatten, mit zehn anderen Pferden, wenig Luftbewegung und einer ganzen Armada an Bremsen und Mücken. Es muss sich seinen Platz am Heu sichern, trinken, ruhen können und mit Hitze, Insekten, Rangordnung, Bodenverhältnissen und Wetterwechseln zurechtkommen.
Wir kommen abends nach der Arbeit und sagen: „Ach komm, ein bisschen was machen wir schon.“ Nicht aus böser Absicht. Bewegung ist ja wichtig. Aber genau hier sollten wir ansetzen: Nicht: Was stand auf meinem Trainingsplan? Sondern: Wie ist der Zustand meines Pferdes – heute, unter diesen Bedingungen?
Gesund reiten beginnt vor dem Aufsteigen
Für mich beginnt pferdegerechtes Reiten nicht im Sattel, sondern beim Hinschauen und Anfassen. Beim Wahrnehmen und einer daraus resultierenden ehrlichen Einschätzung.
Wie steht mein Pferd da? Ist die Atmung ruhig? Sind die Augen klar? Ist die Muskulatur weich oder fest? Schwitzt es schon im Stehen? Ist es genervt von Insekten? Hat es genug getrunken? Wie ist der Boden? Wie ist die Luft?
Und genauso wichtig: Wie bin eigentlich ich heute drauf? Denn unser Körper reitet mit: Unsere Atmung und das Nervensystem. Die Beweglichkeit und unsere Fähigkeit, weich mitzuschwingen, statt festzuhalten.
Wenn wir nach einem stressigen Acht-Stunden-Arbeitstag abgehetzt, verspannt, dehydriert und mit hochgezogenen Schultern am Stall ankommen, wird dieser Zustand nicht automatisch besser, sobald wir im Sattel sitzen. Dann treffen im Zweifel zwei gestresste Nervensysteme aufeinander: ein Pferd, das mit Wetter und Insekten kämpft – und ein Mensch, der körperlich gar nicht vorbereitet ist.
Gesund reiten heißt, passend zu entscheiden. Und manchmal heißt es eben auch: heute den Sattel im Schrank zu lassen, eine Runde im Schatten spazieren zu gehen oder am Boden zu arbeiten. Das ist kein Trainingsausfall – das ist fair unserem Partner gegenüber.
Gesundheit und „gesunder Rücken“ gehören genauer betrachtet
Die beiden neuen Seiten „Gesunder Rücken für Reiter und Pferd“ „Ergänzungsqualifikation Fitness und Gesundheit“ passen gut zu der Ausgangsfrage. Denn wenn wir über Gesundheit im Reitsport sprechen, schauen wir zuerst aufs Pferd. Zu Recht. Aber wir dürfen uns selbst nicht ausklammern.
Reiten ist nicht einfach Draufsitzen. Reiten ist Bewegung und Anpassung: Koordination, Gleichgewicht, Reaktionsfähigkeit, Rumpfstabilität, Atmung, Wahrnehmung und Timing. Und das geht auf beiden Seiten nur mit einem reaktionsbereiten Rücken.
Sogar eine große Versicherung hat dieses Thema aufgegriffen: Die Allianz schreibt in ihrer Gesundheitswelt, dass Reiten Gesundheit und Wohlbefinden fördern kann, aber Konzentration, Balance und Kraft erfordert. Die rhythmischen Bewegungen des Pferdes trainieren Körperwahrnehmung sowie Muskulatur in Rücken, Bauch und Becken.
Gleichzeitig benennt die Versicherung klar: Reiten ist eine Sportart mit Risiken – und gute Ausbildung, Erfahrung und körperliche Voraussetzungen helfen, diese Risiken zu verringern. Besonders interessant finde ich den Hinweis auf Gesundheitssport mit dem Pferd: also präventive Haltungs- und Bewegungstrainings für Menschen mit schwacher Rumpfmuskulatur, erhöhter Stressanfälligkeit, einseitiger Belastung, altersentsprechenden Beschwerden oder inaktivem Lebensstil.
Denn ganz ehrlich:
- Wie viele Reiter sitzen viel?
- Wer alles hat Rücken, Hüfte, Nacken, Knie oder Becken als Baustelle?
- Wie viele möchten feiner einwirken, können aber körperlich gar nicht so loslassen, stabilisieren oder mitschwingen, wie sie es sich wünschen?
Dabei erwarten wir vom Pferd Losgelassenheit, Takt, Balance und Durchlässigkeit – während unser eigener Körper gerade eher sagt: „Ich halte mich mal lieber fest.“
Ausgleichsgymnastik ist kein Extra
Kurz gesagt: bei Wetterextremen wird das sichtbar. Bei Hitze bewegen wir uns weniger. Wir sitzen mehr. Wir schlafen schlechter. Der Kreislauf ist müde. Der Rücken wird fest.
Bei Temperatursturz und Regen ziehen wir die Schultern hoch, werden klamm und vorsichtig. Wir steigen mit kaltem Becken, festem unteren Rücken und angehaltener Atmung aufs Pferd – und wundern uns, dass das Pferd nicht locker über den Rücken schwingt.
Natürlich hat das Pferd eigene Themen. Aber wir sind Teil des Bewegungssystems, wenn wir mit ihm arbeiten. Unser Körper ist nicht neutral. Er wirkt immer. Ein losgelassenes Pferd braucht einen losgelassenen Reiter. Und ein losgelassener Reiter entsteht nicht durch Zusammenbeißen der Zähne, sondern nur dann. wenn das Nervensystem Sicherheit empfängt.
Darum ist Ausgleichsgymnastik kein nice to have für Menschen mit zu viel Zeit. Sie ist ein Teil von fairem Reiten. Nicht, weil Reiter perfekt sein müssen. Sondern weil wir unserem Pferd schulden, uns selbst als Einflussfaktor ernst zu nehmen.
Und das muss gar nicht kompliziert sein. Manchmal reichen zehn Minuten. Gerade an heißen Tagen kann so eine kurze Einheit sinnvoller sein als „noch schnell reiten“. Und an kühlen Regentagen kann sie der Unterschied sein zwischen einem festgehaltenen Anfang und einem Körper, der wirklich bereit ist mitzuschwingen.
Die eigentliche Frage
Vielleicht heißt die Frage nicht „Pferdesport abschaffen – ja oder nein?“ , sondern eher Welche Form von Reiten ist gesund, fair und verantwortbar?
- Für das Pferd: Hat es Schatten, Wasser, Ruhe, Schutz vor Insekten, passende Bewegung und echte Regeneration?
- Für den Menschen: Hat der Körper genug Beweglichkeit, Stabilität, Reaktionsfähigkeit und Wahrnehmung, um dem Pferd nicht im Rücken zu klemmen?
- Für das Training: Passt die Belastung zum Wetter, zum Boden, zum Ausbildungsstand und zur Tagesform?
Denn sportlich sein heißt nicht, immer mehr zu machen. Sportlich sein heißt, Belastung und Erholung sinnvoll zu steuern. Das gilt für Championatspferde genauso wie für Freizeitpferde. Und es gilt für auch uns.
Also frage dich, wenn du das nächste Mal bei Hitze, Regen, Wind oder Wetterumschwung am Stall stehst:
Kann mein Pferd heute arbeiten?
- Welche Arbeit wäre heute gesund?
- Was braucht mein Pferd zuerst?
- Was brauche ich zuerst?
- Bin ich beweglich genug, um weich zu sitzen?
- Bin ich stabil genug, um nicht am Zügel mein Gleichgewicht zu suchen?
- Bin ich ruhig genug, um meinem Pferd Sicherheit zu geben?
Die Antwort kann reiten sein. Oder spazieren gehen. Nur putzen, kühlen, Mücken abhalten und beobachten. Oder zehn Minuten Ausgleichsgymnastik für dich – und danach neu entscheiden.
Das ist kein Rückschritt. Das ist gutes Training. Fair reiten heißt: Nicht weniger reiten aus Angst und schon gar nicht mehr reiten aus Ehrgeiz. Sondern besser entscheiden. Gesundheit im Reiten entsteht nicht zufällig. Sie entsteht, wenn Wissen, Körpergefühl und Verantwortung zusammenkommen.
Komm gut durch den Restsommer,
Corinna von ReitClever
P.S. Der beste erste Schritt ist oft keine perfekte Trainingseinheit, sondern drei ehrliche Minuten: Pferd anschauen, eigenen Körper spüren, Wetter ernst nehmen – und dann clever entscheiden.
Genau so soll sich Reiten anfühlen: unkompliziert, verlässlich, bodenständig und ohne ständigen Kampf gegen den eigenen Körper.
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