„Alles gut.“ Wirklich? – Neues von ReitClever, September 2026

Bewegte Zeiten, schnelle Gedanken und die Frage, wie du dir selbst und deinem Pferd Sicherheit geben kannst.
„Alles gut.“
Wie oft sagen wir diesen Satz? Am Telefon. Im Stall. Im Gespräch mit Freundinnen. Vielleicht auch zu uns selbst.
„Alles gut.“ Und manchmal stimmt es sogar. Aber manchmal bedeutet dieser Satz auch:
- Ich möchte ehrlich gesagt nicht darüber nachdenken.
- Ich weiß selbst nicht genau, wie es mir geht.
- Es ist momentan einfach zu viel.
- Ich muss durchhalten für meine Familie, meinen Job, mein Pferd, die offenen Rechnungen, die noch zu bezahlen sind.
- Anders gesagt habe ich keine Zeit, mich auch noch darum zu kümmern….
Gerade erleben viele Menschen eine Zeit, in der viel auf einen einwirkt.
Politische Nachrichten, Wahlergebnisse, der Krieg in der Ukraine, kletternde Spritpreise, die Heuernte, steigende Kosten und die ganz persönlichen Fragen des Alltags.
Dazu kommen Arbeit, Familie, Gesundheit, Termine und die Verantwortung für ein Pferd. Da kann es passieren, dass wir äußerlich normal weitermachen, während unser Inneres längst unter Hochspannung steht.
Wir denken, dass wir einfach durchziehen können. Anders gesagt könnte die wichtige Frage, wie esmir wirklich geht, uns komplett aus dem mühsam aufgebauten Gleichgewicht bringen. Die Folgen wollen wir uns dann wirklich nicht ausmalen.
Ich hatte in den letzten Wochen sehr stark mit mir zu tun. Meiner Schimmelstute ging es Ende August ziemlich schlecht, so dass ich darüber nachgedacht habe, die letzte Entscheidung zu treffen. Als ich die Tierärztin anrief, um den Termin zu machen, ging es ihr am nächsten Morgen besser.
Dann hatte sie 2 Wochen später eine Kolik: Darmdrehung von 180 Grad- mehr wäre das Ende gewesen. Zum Glück habe ich es früh entdeckt, so hatte sie eine 50:50 Chance. Und ich blieb relativ ruhig. Denn ich hatte mich 2 Wochen vorher schon entschieden: Entweder sie schafft es oder sie schafft es nicht.
Und sie schaffte es- es geht ihr aktuell besser als den ganzen heißen Sommer über. Wenn sie mich anschaut, habe ich das Gefühl, dass sie sagen möchte „Siehste- es war richtig abzuwarten- ich bin noch nicht so weit“. Denn das war die quälendste Frage: ist es richtig zu warten? Wann hört man auf? Wieviele Chancen bekommt sie? Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Immer wenn ich sie das gefragt habe, schaute die Stute mich an,blieb mir aber eine Antwort schuldig. So musste ich alleine entscheiden. Andere Menschen hätten vielleicht anders geurteilt, aber wenn ich jetzt ihre leuchtenden Augen sehe und den Appetit, mit dem sie wieder frisst, weiß ich, dass ich richtig gehandelt habe.
Auch wenn nicht alles gut ist, kann trotzdem der nächste Schritt gut sein.
Für mich bedeutet ein ehrlicher Blick auf die eigene Situation nicht alles schwarz zu sehen. Die Schimmelstute hat es geschafft- wenn es nicht so gewesen wäre, wäre das auch eine Entscheidung gewesen. Denn ich habe Pläne im Kopf, wie es weiter geht, wenn die Pferde nicht mehr sind.
Und die rücken nun wieder in weitere Ferne. Was auch gut ist, denn ich habe noch einen pubertierenden Sohn. Aber die neue Idee in Griffweite zu sehen und sie dann wieder an den Rand zu schieben, macht etwas mit dem Innenleben.
Wenn dann noch politische Unruhe dazu kommt, das für mich deutlich fühlbare „Grummeln“ der Gesellschaft, andere Menschen und Tiere, denen es auch nicht gut geht, muss ich mich abgrenzen. Das gelingt mir, indem ich mich in meine eigene Welt zurückziehe und weniger Kontakt nach außen suche. Ruhephasen, in denen ich mich selbst sortieren kann, um stabil zu bleiben.
Jeder muss den Weg finden, der sich für ihn gut anfühlt. Dabei hilft kaum, jede Nachricht zu analysieren oder alle Sorge auszudiskutieren. Vielmehr hilft etwas Einfacheres: kurz anhalten, wahrnehmen und anerkennen, was gerade da ist. Vielleicht bist du müde, gereizt oder innerlich unruhig. Verunsichert. Vielleicht aber auch voller Vorfreude und Tatkraft.
Du kannst entscheiden, wie du mit diesem Zustand umgehst.
Du musst nicht erst vollkommen entspannt sein, bevor du wieder zu deinem Pferd aufnehmen kannst. Aber du darfst bemerken, wenn dein Körper gerade festhält.
Ich lese momentan ein spannendes Buch: Daniel Kahneman beschreibt in seinem Buch Schnelles Denken, langsames Denken zwei unterschiedliche Arten, wie wir Entscheidungen treffen.
Wir haben ein schnell arbeitendes System 1, wasautomatisch und intuitiv arbeitet.
Es reagiert auf Eindrücke, erkennt Muster und gibt uns oft sehr unmittelbar ein Gefühl dafür, was gerade passiert. Das ist beim Reiten wertvoll. Du spürst vielleicht, dass dein Pferd heute anders unter dir ist, bevor du genau sagen kannst, woran es liegt. Du merkst, dass der Rhythmus nicht stimmt, dass dein Pferd sich festmacht oder dass eine Lektion heute nicht die richtige ist.
Diese schnelle Wahrnehmung ist wichtig. Auch in anderen Situationen schützt uns die sogenannte Intuition. Aber System 1 reagiert auch auf unsere eigene innere Verfassung. Wenn wir angespannt, erschöpft oder von vielen Nachrichten überladen sind, rutschen wir in bekannte Muster: Wir halten den Atem an, werden fester im Becken. Auf dem Pferd greifen wir schneller ein und treiben stärker. Kurz gesagt wollen wir eine Situation kontrollieren, bevor wir sie wirklich verstanden haben.
Die Lösung liegt in System 2
Das arbeitet langsamer und bewusster. Daher braucht es mehr Energie, weil es prüft, vergleicht und die schnellen intuitiven Entscheidungen hinterfragt:
Was passiert hier gerade?
Was ist wirklich nötig? Und was würde die Situation verändern?
Die Energie haben wir in Stressphasen oft nicht. Weder die mentale Stärke noch einen stabilen Blutzuckerpegel, der diese Energie zur Verfügung stellt. Das erklärt mir, warum ich in Stressphasen oder nach einem langen Tag in der Praxis Kohlenhydrate und Zucker haben möchte. Da hilft die schönste Vorbereitung mit einer eiweiß- und ballaststoffreichen Ernährung nicht. Wenn ich aus der Praxis komme, möchte ich Brot, Pizza oder „was Handfestes“. Nun weiß ich warum.
Deshalb sind bewusste Pausen so wertvoll. Ein kurzer Moment zwischen Reiz und Reaktion und die Entscheidung, wie ich am besten reagiere. Und dann bewusst handeln.
Das ist nicht einfach, aber der erste Schritt ist oft: ausatmen. Beim Pferd wird das besonders wichtig. Sobald ein Gespräch von vorher noch weiterläuft, Nachrichten dich beschäftigen oder du gedanklich schon beim nächsten Termin bist, bist du „nicht da“.
Wenn du merkst, dass dein Körper noch nicht angekommen ist, hat dein Pferd das schon längst wahrgenommen. Es reagiert auf Informationen, die dein Körper sendet. Pferde spüren, ob wir wirklich bei ihnen sind oder nur versuchen, schnell unser Programm abzuarbeiten.
Positive Veränderung beginnt oft unspektakulär
Sie muss nicht immer groß aussehen. Es kann nicht auf einmal alles gut sein. Dann sitzt du nicht plötzlich völlig anders und dein Pferd geht nicht sofort spektakulärer.
Eher: „Heute habe ich früher gemerkt, dass ich fest werde.“
„Ich habe ich nicht sofort stärker getrieben, sondern meinem Pferd eine Pause gelassen.“
„Heute konnte ich nach einem Fehler wieder ausatmen und ich war ein kleines bisschen mehr bei mir.“
Nicht alles immer kontrollieren wollen ist keine Kleinigkeit. Es ist vielmehr die Chance, dass sich ein neues Bewegungs- und Kommunikationsmuster entwickeln kann. Das hilft uns auch im „normalen“ Leben.
Damit entlastest du dein Pferd, da es nicht deine ganze Welt in Ordnung bringen muss. Eure gemeinsame Zeit kann dir helfen, besser in Kontakt mit dir zu kommen. Vielleicht ist genau das eine der wertvollsten Seiten des Reitens. Nicht, dass wir alle Schwierigkeiten vergessen. Sondern dass wir für eine Weile eine andere Form von Aufmerksamkeit erleben.
Wir müssen nicht ständig bewerten und jede Entwicklung vorwegnehmen. Wir dürfen beobachten, spüren und antworten.
Was im Herbst bei ReitClever ansteht
Morgen fahre ich nach Rügen: Dort findet vom 1.10. bis 4.10.26 die 3. Ergänzungsqualifikation Fitness und Gesundheit für TrainerInnen statt.
Das ist für mich auch wieder eine Möglichkeit, auszuatmen. Nicht nur weil das Thema zu dieser Frage passt, sondern auch weil wir Beweglichkeit, Gleichgewicht und Wahrnehmung brauchen, um passend auf eine Situation zu reagieren. Und die Insel in der Ostsee birgt so viel Energie, dass sie mich automatisch erdet.
Im November geht es zweimal um Gesund reiten für Reiter und Pferd und um den Zusammenhang von Rücken, Becken, Sattel und Bewegung:
- 21.11.26 in Stadthagen bei Hannover
- 28.11.26 in Pasewalk
Wir betrachten das Zusammenspiel: Wie bewegt sich das Pferd? Wie organisiert sich der Körper oberhalb und unterhalb des Sattels? Wo entsteht unnötige Spannung?
Mehr Informationen zu den Terminen findest du auf Gesunder Rücken für Reiter und Pferd.
Mein Gedanke für dich
Vielleicht ist nicht alles gut. Vielleicht ist gerade vieles offen, anstrengend oder unübersichtlich. Aber du kannst trotzdem einen guten nächsten Schritt machen.
Du musst nicht alles im Griff haben, um deinem Pferd Sicherheit zu geben.
Stattdessen kannst du lernen, dich wahrzunehmen und deinen nächsten Schritt bewusster zu wählen. Klarer, beweglicher und mehr Verbindung.
Genieß´ den Herbst,
Corinna von ReitClever
P.S.: Wenn du heute nur eine Sache ausprobierst, dann diese: Bevor du aufsteigst, atme einmal bewusst aus und spüre beide Füße am Boden. Vielleicht ist das bereits der Anfang einer anderen Kommunikation.
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