Atemmuster, Tonuskontrolle und Wetterkapriolen, Neues von Reitclever, Juni 2026
Der Juni war wettertechnisch ein Possenspiel.
Am ersten Wochenende hatten wir Sonne, Wolken. leichten Wind und sehr angenehme Temperaturen für Pferdeaktivitäten.
Am zweiten Wochenende waren es 15 Grad, Regen und das Gefühl: „Ich wollte doch nur kurz zum Stall und komme nass und durchgefroren zurück.“
Am dritten Wochenende: 34 Grad, drückend warm – und mittags plötzlich feiner Landregen. Genau in dem Moment, als bei uns auf dem Hof die Trauungszeremonie einer Hochzeit anstand.
Man kann sagen: Der Juni hatte Timing.
Und jetzt? 39 Grad Tageshöchsttemperatur am Samstag, gestern kratzten wir sogar an der 40-Grad-Marke. Das ist die Temperatur, bei der selbst ein Wasserschlauch aussieht, als würde er seine Lebensentscheidungen hinterfragen.
Für Pferde, Menschen, Kreislauf und Kursplanung ist das eine echte Herausforderung. Deshalb beschäftigt mich die Frage, wie Reiten anpassungsfähig bleibt. Nicht nur an Wetter, Boden und Temperatur. Sondern auch an den Körper, der an jedem dieser Tage mit in den Sattel steigt.
Mittelpositur und die Rückenlinie
Anfang Juni war ich bei bestem Reitwetter im Hengstresort Velten. Der erste Kurstag stand im Zeichen der Mittelpositur. Mein Lieblingsthema bedeutet für mich keine starre Sitzform, sondern einen lebendigen Körperabschnitt, in dem Sitzbeine tragen und sich die Wirbelsäule aufrichten kann. Vor allem heißt es, dass das Pferd nicht ständig ausgleichen muss, was wir oben festhalten oder gegen seine Tragkraft organisieren.
Am ersten Tag ging es um Wahrnehmung, Sensorik, Beckenorientierung und die Frage:
Wo bin ich eigentlich, wenn ich glaube, mittig zu sitzen?
(Klick für einen Eindruck vom Kurs auf den Link)
Mir fielen mehrere Reiterinnen im Hohlkreuz auf. Allerdings nicht aus demselben Grund.
Manche wirkten fast zu locker: wenig Bauchspannung, zu wenig Verbindung zwischen Brustkorb, Becken und Gesäßknochen. Der Rücken fiel in eine Linie, die beweglich aussieht, dem Pferd aber keine wirkliche Orientierung bietet.
Bei anderen sah es aus wie eine Schutzspannung. Ein Festhalten, weil das Gehirn Orientierung, Sicherheit oder Stabilität sucht. Auch dann entsteht schnell ein Hohlkreuz – nur mit einem ganz anderen inneren Gefühl.
Von außen kann beides ähnlich aussehen. Im Körper ist es nicht dasselbe.
Die Pferde zeigten deutlich, dass diese Reiterrückenlinie nicht nur ein optisches Detail ist. Viele liefen ebenfalls mit kurzem Rücken, sichtbar begrenzt im Durchschwingen und im Raum nach vorn.
Als sich bei den Reiterinnen die Rückenlinie veränderte, veränderte sich auch die der Pferde. Nicht durch „jetzt mal richtig sitzen“. Sondern durch besseres Organisieren im Menschen: mehr tragende Mitte, mehr Bewusstsein für das Becken, mehr Länge im unteren Rücken. Und plötzlich konnten die Pferde anders antworten: Dauch ihr Rücken wurde länger und der Bewegungsfluss freier.
Nicht: „Du musst schöner sitzen.“ Sondern: Wenn dein Körper eine andere Linie findet, bekommt dein Pferd darunter eine andere Möglichkeit.
Genau hier wird es auch für TrainerInnen spannend. Als Ausbilder solltest du unterscheiden können: Bedingt das Hohlkreuz zu wenig tragende Spannung? Oder zu viel Schutzspannung? Braucht der Körper mehr Spannung – oder zuerst weniger Alarm?
Für solche Fragen habe ich DenkClever NeuroLogisch! entwickelt. Für ReittrainerInnen, die Sitz, Bewegung, Nervensystem und Pferdeantwort genauer lesen wollen. Nicht als Methodenkoffer nach dem Motto „mach mal Übung 17“. Sondern als neurologisch fundierter Blick darauf, warum ein Körper tut, was er tut – und wie du feiner, klarer und pferdefreundlicher damit arbeiten kannst.
Tag 2: Atemmuster, Tonuskontrolle und Leichtigkeit
Am zweiten Tag kam die Atmung dazu. Atmen ist ja so ein Thema, bei dem viele sofort denken: „Ja, ja, atmen kann ich.“ Stimmt. Sonst wäre der Newsletter hier auch recht kurz.
Aber beim Reiten geht es nicht nur darum, dass Luft rein und raus geht. Es geht darum, wie der Körper Atmung organisiert – und welche Spannungssituation daraus entsteht. Wer dauerhaft hoch in den Brustkorb atmet, kann schneller in Alarmbereitschaft gehen. Stockt der Atem, stockt oft auch die Bewegung. Wird der Bauch fest, verliert das Becken Beweglichkeit. Fehlt dem Rücken Atembewegung, wird Mitschwingen schwerer.
Kurz gesagt sind Atemmuster Tonuskontrolle und ein Mittel, direkt am Nervensystem anzukommen. Über Sensorik, koordinierte Bewegung und Wahrnehmung können wir dem Körper neue Informationen geben. Nicht mit Druck. Nicht mit „du musst einfach…“. Sondern mit kleinen, klaren Einladungen. Daraufhin spürst du anders. Bewegst dich minimal anders. Atmest anders. Wartest einen Moment. Und plötzlich verändert sich etwas, das vorher Kontrolle nicht erreicht hat.
Wenn der ganze Mensch weicher wird
Besonders berührt hat mich eine Reiterin, die ich schon länger kenne. Sie reitet mit einer seit Kindheit bestehenden spastischen Diplegie. Am Anfang war bei ihr verständlicherweise viel Spannung. Der Körper hatte über viele Jahre gute Gründe, Muster zu nutzen, die halten, eine Fortbewegung ermöglichen und Sicherheit geben.
Wir haben nicht versucht, diesen Körper zu überreden. Wir haben nicht gesagt: „Lass mal locker.“ Sondern wir haben die Wahrnehmung mit an Bord geholt. Mit Sensorik. Mit kleinen Bewegungen. Mit Atemmustern. Mit Orientierung. Mit dem, was möglich war. Und nach dem ersten Tag war sichtbar: Da verändert sich nicht nur ein Sitz sondern der ganze Mensch.
Die Gesichtszüge wurden lockere. Der Ausdruck wurde weicher. Der Körper wirkte entspannter. Und vielleicht noch wichtiger: Die Reiterin traute sich mental mehr zu.
Der Körper bekam neue Informationen. Das Nervensystem bekam offenbar genug Sicherheit, um mehr Spielraum zuzulassen. Und aus diesem Spielraum heraus entstand Mut.
So kann ein Reitkurs ein Ort sein, an dem ein Mensch erlebt:
- Ich kann etwas verändern.
- Mein Körper ist nicht falsch.
- Ich brauche nur einen anderen Zugang.
- Ein Pferd, das sehr klar sagt: „So ist es besser. Danke. Können wir so weitermachen?“
Pferde sind herrlich direkt. Nicht immer diplomatisch, aber oft sehr ehrlich.
Warum ich Kurse und Module neu denke
Der Juni hat mir noch einmal gezeigt, wie eng alles zusammenhängt: Wetter und Planung, Körper und Atem, Sensorik und Mut, Pferd und Mensch.
Bei 15 Grad und Regen muss ein Kurs anders geplant werden als bei 34 Grad im Schatten. Bei 39 oder 40 Grad geht es nicht mehr um Tapferkeit. Da geht es um Verantwortung. Meine Pferde waren an diesen Tagen tagsüber im Stall und nur nachts draußen.
Für mich heißt das: Kursmodule müssen in Zukunft noch anpassbarer sein. Kürzere Einheiten. Mehr Beobachtungsaufgaben. Mehr Körperarbeit ohne Pferd. Sinnvolle Pausen. Wo es passt, Online-Vorbereitung. Und mehr Nachbereitung, damit Veränderung nicht nur am Kurstag passiert.
Gesund Reiten beginnt nicht erst im Sattel. Es startet mit der Frage: Was ist heute angemessen? Für das Pferd. Für den Menschen. Für das Wetter. Für den Körper. Für das Nervensystem.
Genau das überdenke ich übrigens auch gerade für unseren Veranstaltungshof– wieviel Spaß macht eine Feier bei 40 Grad und wie können wir sie so gestalten, dass sie auch bei 15 Grad und Regen funktioniert. Die Zeiten für stabiles Sommerwetter scheinen vorbei zu sein.
Genau deshalb rücken bei Reitclever jetzt die Checks stärker in den Fokus
Nicht als „noch ein Angebot“. Sondern als Antwort auf das, was ich in Kursen immer wieder sehe: Viele ReiterInnen brauchen nicht sofort ein komplettes Programm. Sie brauchen zuerst Klarheit.
Was passiert da eigentlich bei mir? Warum kippe ich nach vorn? Warum halte ich die Luft an? Warum wird mein Pferd eilig, sobald ich „mehr sitzen“ will?
Dafür sind meine Checkmodule gedacht.
VideoCheck: Für Sitz, Hilfen und Pferdeantwort aus der Distanz. Welche Muster wiederholen sich – und was wäre der nächste sinnvolle Schritt?
PhysioCheck: Für Beweglichkeit, Stabilität, Ausweichmuster, Becken, Wirbelsäule, Hüfte, Atmung und Gleichgewicht. Also all das, was im Sattel sichtbar wird, aber nicht immer im Sattel entsteht.
RidersCheck: Für Sitz, Körper, Wahrnehmung und mentale Sicherheit. Gerade nach schwierigen Erfahrungen, längeren Pausen, Unsicherheit oder körperlichen Einschränkungen kann dieser Blick sehr hilfreich sein.
Nicht, weil du „mental stärker“ werden musst. Sondern weil dein Nervensystem vielleicht mehr Sicherheit braucht, bevor dein Körper wirklich loslassen kann.
(Klick für mehr Informationen auf den „fetten“ Namen als Link)
Dein Juni-Impuls
Wenn du beim nächsten Mal reitest, nimm dir eine Sache vor.
Erspüre vor dem Aufsteigen beide Sitzbeine. Beobachte, wann du die Luft anhältst. Oder frage dich, ob dein Pferd anders reagiert, wenn du weniger Spannung organisierst.
Das ist kein Test. Es ist Forschung. Und Forschung darf neugierig sein. Sogar ein bisschen schief.
Vielleicht ist genau das die Botschaft des Monats:
Wir müssen nicht immer mehr machen.
Wir dürfen genauer werden.
Wärmer im Blick.
Klarer in der Wahrnehmung.
Freundlicher im Umgang mit unseren Mustern.
Und mutiger darin sein, neue Wege zu suchen, wenn der alte Weg viel Spannung produziert.
Wenn du Lust hast, deinen Sitz, deinen Körper oder deine Reit-Themen genauer anzuschauen, dann geh dein Thema mit dem Modul an, das für dich passt.
Nicht als Bewertung. Sondern als Einstieg in mehr Verständnis.
Für dich und für dein Pferd.
Genieß den Sommer,
Corinna von Reitclever
PS
Bei 40 Grad gilt übrigens: Auch Ehrgeiz darf mal im Schatten stehen.
Am besten mit Wasser.
Und ohne schlechtes Gewissen.
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