
Letztes Wochenende regnete es endlich auch bei uns. Langanhaltend und kräftig – kein kurzer Nieselregen wie in den wenigen Malen zuvor.
Selten habe ich mich über einen grauen Himmel und nasse Pferde so gefreut. Die durften für zwei Nächte in den Stall, weil sie nach dem langen Regen kombiniert mit starkem Wind zitterten. Nach den trockenen Wochen war dieser Regen eine Erleichterung für Felder, Wiesen und Wald. Für die Tiere. Und auch für uns Menschen, die oft erst merken, wie angespannt sie agieren, wenn etwas nachgibt.
Ein bisschen ist es beim Reiten genauso
Manchmal warten wir darauf, dass etwas locker wird. Die Hüfte. Der Rücken. Die Hand. Das Pferd. Die Mittelpositur. Und dann suchen wir den Fehler in der Technik: mehr treiben, weniger ziehen, gerader sitzen, mehr Bauchspannung, weniger Hohlkreuz.
All das nicht falsch. Aber manchmal liegt der entscheidende Punkt tiefer: in den anatomischen Voraussetzungen, mit denen wir auf dem Pferd sitzen. Und in der Frage, ob unser Nervensystem genügend Informationen bekommt, um den Körper sinnvoll zu organisieren. Denn wir sitzen auf einem bewegten Element mit einer Eigendynamik. In einem Moment läuft alles super und im nächsten Moment sorgt etwas dafür, dass das Tier unter uns davonschießt. Oder die Richtung wechselt. Oder stockt, nachdem der Schwung eben noch so schön war.
Genau darum geht es heute: um Becken, Sattel, Schutzspannung – und um die Frage, warum locker sitzen nicht einfach so „gemacht“ werden kann.
Warum „Mittelpositur“ nicht für alle gleich aussieht
Wenn ich von einer lockeren Mittelpositur spreche, meine ich keinen starren Idealpunkt. Ich meine eine Position, in der der Körper weder nach vorne in den Schambereich kippt noch nach hinten auf das Steißbein ausweicht. Eine Stellung, in der die Sitzbeine tragen und in der die Wirbelsäule sich aufrichten kann. Eine Position, in der das Pferd unter uns nicht gegen Festhalten, Druck oder Ausweichen arbeiten muss.
Das klingt einfach. Ist es aber gar nicht, wenn der Sattel den Reiter nicht so unterstützt, wie sein Körper gebaut ist. Denn unsere Kontaktpunkte zum Pferd sind verschieden. Nicht nur individuell. Die typischen Unterschiede zwischen männlichem und weiblichen Becken sind bedeutsam. Früher wurden Sättel für Männer gemacht.
Das ist kein Schubladendenken. Es gibt keine ideale Beckenform, genauso wie es auch nicht den einen Frauenkörper oder den einen Männerkörper gibt. Es gibt nur konkrete Menschen mit individuellen anatomischen Voraussetzungen.
Einfacher gesagt:
- Viele weibliche Becken sind breiter angelegt.
- Die Sitzbeinhöcker liegen meist weiter auseinander.
- Der Schambeinbogen ist oft flacher beziehungsweise weiter.
- Die Stellung von Kreuzbein, Steißbein und Hüftpfanne kann dazu führen, dass eine andere Beckenkippung nötig ist, um lotrecht über dem Pferd zu sitzen.
- Viele männliche Becken sind im Durchschnitt eher schmaler und steiler, mit anderen Druck- und Auflageverhältnissen.
Das bedeutet, dass ein Sattel, der für den einen Körper „wie gemacht“ ist, für einen anderen Körper genau die Schutzspannung auslöst, die wir nicht haben wollen. Dann ist locker sitzen keine Frage von gutem Willen mehr, sondern eher eine Frage der Passung.
Der Sattel ist der Adapter zwischen Reiter und Pferd
Ein Sattel muss nicht nur dem Pferd passen. Er muss auch dem Menschen passen. Und zwar nicht im Sinne von: „Fühlt sich okay an.“ Sondern im Sinne von: Kann der Körper in diesem Sattel sinnvoll agieren, atmen und fein kommunizieren? Wenn die Antwort nein ist, ist das eine wichtige Information. Sie erklärt sehr viele Dinge, die sonst möglicherweise als Technikproblem abgestempelt werden.
Typische Signale, die ich immer wieder sehe: Der Reiter rutscht nach vorne und bekommt Druck im Schambereich. Der Körper weicht nach hinten aus und landet auf dem Steißbein. Ein Sitzbein fühlt sich „weg“ an. Knie klemmen, Beine suchen Halt, Hände werden unruhig. Der Oberkörper verdreht sich, obwohl der Mensch gerade sitzen möchte. Das Pferd wird eilig, spannig oder driftet über eine Schulter weg.

Wenn es heißt „Du musst einfach locker lassen“, klingt es logisch. Wenn das mal so einfach wäre. Diese Korrektur geht komplett am Thema vorbei, wenn der Körper gerade Schutzmuster produziert, weil seine Basis nicht stimmt.
Druck im Schambereich, zu wenig Unterstützung unter den Sitzbeinen, ein zu schmaler Zwiesel, ein falscher Schwerpunkt oder eine unpassende Bügelaufhängung können dazu führen, dass der Körper ausweicht. Als Ergebnis kippt das Becken, die Wirbelsäule hält fest und die Beine suchen Halt. Wir sehen, dass die Hand unruhiger wird. Und das Pferd bekommt Signale, die so gar nicht gemeint sind.
Mehr Wissen für Reiter heißt: erst beobachten, dann verändern
Das ist für mich elementar: Nicht sofort korrigieren, sondern erst beobachten. Nicht: „Ich sitze falsch.“ Sondern: „Welche Information bekomme ich gerade?“
Gutes Reiten beginnt nicht damit, mehr zu machen. Gutes Reiten beginnt damit, genauer zu unterscheiden. Ist es wirklich ein Technikproblem? Ist es die Beweglichkeit? Ist es ein Gleichgewichtsthema? Oder schaltet das Gehirn eine Schutzreaktion?
Oft ist es tatsächlich die Wahrnehmung, die nicht gut in der Zentrale verarbeitet wird. Werden die Signale aus unserer Kontaktfläche mit dem Pferd, den Hüften, Knien und Sprunggelenken nicht so gut verwandelt, wird als Ergebnis eine Verspannung geschaltet. Oder ist es schlicht der Sattel, der den Körper immer wieder ungünstig hinsetzt?
Genau hier treffen sich die Themen, die mich seit Jahren begleiten: gesund Reiten für Reiter und Pferd. Bewegungssteuerung, Körperwissen, Nervensystem, Wahrnehmung und ein angenehmer Rucksack für das Pferd zu sein. Nur ein balancierter Mensch ist für das Pferd angenehm zu tragen. Ein Mensch, der atmen kann, reagiert feiner. Ein Mensch, der beide Sitzbeine wahrnimmt, kann stimmigere Gewichtshilfen geben. Und ein Körper, der nicht im Schutzmodus festhängt, hat überhaupt erst eine Chance, locker mitzuschwingen.
Warum das Nervensystem dabei mitreitet
Beim Reiten muss unser Körper in jeder Sekunde unglaublich viele Informationen verarbeiten: Wo ist mein Schwerpunkt? Was macht mein Pferd unter mir? Wie schnell verändert sich der Takt? Kann ich mich orientieren? Bin ich sicher? Kann ich nachgeben, ohne die Kontrolle zu verlieren?
Das passiert nicht alles bewusst. Das Nervensystem verarbeitet ständig Informationen aus Augen, Ohren, Gelenken, Muskeln, Haut, Gleichgewichtssystem und innerem Zustand. Je qualitativ hochwertiger diese Informationen sind, desto leichter kann unsere Schaltzentrale koordinieren. Je unklarer die Informationen sind, desto eher greift sie auf Schutzprogramme zurück: Festhalten. Klemmen. Luft anhalten. Nach vorne kippen. Nach hinten ausweichen. Mit der Hand stabilisieren.
Und genau deshalb reicht es oft nicht, nur zu sagen: „Setz dich gerade hin.“ Oder „Bleib´ locker sitzen.“ Die bessere Frage ist: Welche Information fehlt dem Körper gerade, damit gerade sitzen überhaupt machbar wird?
Kleine Marker für deinen nächsten Ritt
Wenn du beim nächsten Mal im Sattel sitzt, beobachte nicht alles auf einmal. Nimm dir nur ein paar Marker, beispielsweise:
- Kann ich beide Sitzbeine gleichmäßig wahrnehmen?
- Kann ich frei atmen, ohne Bauch, Rücken oder Kiefer festzumachen?
- Habe ich das Gefühl, in den Sattel hineinzuschmelzen – oder sitze ich eher obendrauf?
- Rutsche ich immer wieder nach vorn oder nach hinten?
- Entsteht Druck am Schambein, am Steißbein oder nur an einem Sitzbein?
- Wird mein Pferd eilig, spannig oder schief, sobald ich versuche „gerade“ zu sitzen?
- Kann ich eine kleine Gewichtsverlagerung geben, ohne dass ich mit Hand, Knie oder Oberkörper ausgleichen muss?
All das sind Beobachtungen. Und Beobachtungen sind der Anfang von gutem Training.
Letztes Wochenende ging es in allen Varianten genau darum
Ich war zu Gast in einer kleinen, aber sehr feinen Reitschule. Und es war ein sehr harmonischer Kurs. Es ging um Mittelpositur, langes Bein und Drehsitz. Die Teilnehmer erfühlten die ganze Palette der Herausforderung, einfach (😊) locker zu sitzen. Sie profierten sehr von der veränderten Herangehensweise und den Übungen ohne Pferd.
Das schöne Wochenende empfand ich ein bisschen wie ein Ferienlager: gemeinsame Mahlzeiten und ein abschließender Mädelsabend. Es fehlte eine Nachtwanderung, aber ein Ausritt vor dem Frühstück am zweiten Tag war die für dieses Wochenende passendere Variante.
Wie schnell man in einen Schutzmodus rutscht, hat mir der Ritt auf dem „Verlasspferd“ gezeigt. Die Stute ist fast 20 cm größer als meine Pferdedamen und bringt Anfänger normalerweise sicher durchs Gelände. An diesem Morgen ging es aber anders als sonst nicht nach dem Frühstück auf die Koppel, sondern mit einer für sie komplett fremden Reiterin ins Gelände.

Als ich zum „Beschnuppern“ auf dem Reitplatz eine andere Richtung einschlug, als ihre Stallgenossinnen, die die Abteilung in den Wald führen wollten, war es um ihre Fassung geschehen. Die Aussicht, mit 5 fremden Pferden alleine zurückzubleiben, nahm ihr die innere Ruhe. Ich hatte die ersten Minuten im Wald das Gefühl, auf einem Geschoß zu sitzen, das seine Unzufriedenheit herausbocken möchte. Diese Wahrnehmung verstärkte sich durch die für mich deutlich größeren Bewegungen als gewohnt. Ich saß zwar in einem für mich bequemen Springsattel, musste aber sehr bewusst ausatmen, um uns beide in einen ruhigen Gang zu manövrieren.
Danach hatten wir einen wirklich schönen Ritt, der die Ferienatmosphäre wirksam unterstrich. Und ich war um eine Erfahrung reicher.
Morgen beginnt in Viervitz auf Rügen die Ergänzungsqualifikation „Gesundheit und Fitness“
Dort geht es um die Aspekte, die „gesund reiten für Reiter und Pferd“ ausmachen. Solltest du Lust bekommen haben, mitzumachen: der nächste Kurs startet dort am 01.10.2026.
Ich freue mich sehr auf die „Auszeit“ an der Ostsee.
Einen lockeren Frühling wünsche ich dir,
Corinna von Reitclever
PS: Wenn Du dein Nervensystem unterstützen möchtest, besser zu schalten, schau mal bei meinem neuen Projekt Pferdeliebe vorbei. In diesem kostenlosen Mailprogramm geht es um Techniken, mit denen Du deine Wahrnehmung und den Kontakt zum Pferd verbessern kannst.
NeuroLogisch! zeigt Ausbildern und Trainern, wie sie das Nervensystem und anatomische Grundlagen mit an Bord zu nehmen, um ihre Reitschüler besser zu erreichen.
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