Eine Frage der Koordination, Neues von Reitclever August 2025

Eine Frage der Koordination, Neues von Reitclever, August 2025

Der August ist für mich ein erstaunlicher Monat: meist sind um ihn herum Sommerferien. Dann wechseln sich Badetage und Arbeitsphasen bei mir ab. Ich bin weniger in der Praxis, dafür aber mit Mann und Sohn viel bei uns auf dem Hof. An jedem dritten Samstag im August findet unser alljährlicher Kunstgewerbemarkt statt. Wie immer bin ich fasziniert, wie schnell aus einem leeren Hof ein buntes Marktgeschehen entsteht. Noch viel schneller geht der Abbau vonstatten- kurz nach dem Trubel erscheint die Hoffläche auf einmal leer und verwaist.

Morgens bauen wir die Verkaufsstände für Brote, Kuchen, Grillwürste und Getränke auf. Das muss bis mittags geschehen sein, denn dann kommen die Aussteller auf den Hof gefahren. Sie haben ihre Waren, Tische, Stühle und Zelte im Gepäck, aus denen sie mitunter wunderbare Stände zaubern. Manche Kunstgewerbler sind dabei sehr versiert und gehen strategisch und effektiv vor. Andere haben noch nicht so viel Erfahrung oder sind schon älter und brauchen nicht nur mehr Zeit, sondern auch mehr Platz, um beispielsweise ihr Auto auf dem Hof zu wenden. Dass es dabei keine Blechschäden gibt, wundert mich immer wieder aufs Neue. Nachmittags ist der Hof bunt: überall wuseln Menschen umher. Schön ist das anzusehen!

Wie beim Reiten ist Erfahrung auch eine Frage der Koordination

Erfahrene Aussteller wissen genau, was sie wie in ihrem Auto verstauen und was wo auf dem Tisch am besten aussieht. Wenn Du schon mal mit deinem Pferd verreist bist oder mit 6 anderen Personen in einem Bulli zum Campen warst, weißt Du, was ich meine. Je häufiger man die viel zu vielen Einzelteile in einen sehr klein erscheinenden Kofferraum packt, desto schneller findet sich eine praktikable Anordnung, die jeden Millimeter Stauraum nutzt.

Beim Reiten ist das ähnlich- es ist beispielsweise sinnvoll, erst zu putzen und dann zu satteln. Nachgurten macht man am besten bevor man aufsteigt. Auf dem Pferd geht die Aufrichtung des Oberkörpers leichter, wenn man zuerst die Gesäßknochen symmetrisch belastet und dann das Becken in die dafür erforderliche Mittelposition bringt. Ein erfahrener Reiter denkt nicht darüber nach, er tut das einfach.

Doch was passiert, wenn ein erfahrener Reiter einen Fehler in die Bewegungssteuerung eingebaut hat?

Das ist sehr viel häufiger, als man denkt. Unser Gehirn arbeitet sehr ökonomisch und will uns immer vor Schaden schützen. Hatte man zum Beispiel mal eine Bandscheibensymptomatik oder wurde am Knie operiert, bleibt oft eine Schonhaltung bestehen. Das Gehirn „weiß“ nach dem Unfall nicht, dass die verletzte Stelle wieder einsatzbereit ist. Denn ihm fehlen  aktuelle Meldungen aus diesem Bereich. Durch die Entzündungsreaktion ist es oft noch auf dem Stand von vor der Operation oder der Heilungsphase. So erhält das Gehirn sicherheitshalber den bestehenden Schonzustand und es steuert andere Muskeln an, um das noch nicht gesund geglaubte Gelenk zu schützen. Man agiert mit angezogener Handbremse, weil man dem operierten Gelenk nicht ganz traut, und fragt sich, ob es hält oder nicht, wenn man irgendwo herunter springen möchte.

Um das Vertrauen in die ehemals verletzte Stelle wieder herzustellen, muss man intensiv mit der Wahrnehmung arbeiten. Nur dann kann die tiefensensorische Steuerung ihre Arbeit wieder aufnehmen. Sonst bleibt ein schwarzes Loch in der Datenlage aus dem „Problemgebiet“ bestehen.

Interessanterweise hatte ich vorletzte Woche zwei Reiterinnen in der Praxis, die schon seit ihrer Kindheit reiten. Sie haben seitdem nie richtig aufgehört, so dass die motorischen Programme fürs Reiten gut automatisiert sind. Beide sind in den letzten Jahren operiert worden- allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen und an verschiedenen Stellen: die eine am Becken, die anderen am Gesichtsschädel.

Trotzdem haben beide auf dem Pferd deutliche und ähnliche Auffälligkeiten in der Sitzhaltung. Sie sitzen beide schief vom Becken her und haben Schwierigkeiten, den linken Gesäßknochen zu belasten. Das führt im Falle der einen Reiterinnen zu einem ziemlich verdrehten Oberkörper, wenn es rechts herum geht. Als Reaktion auf die unkoordinierten Hilfen läuft das Pferd rechts herum über die Schulter weg oder galoppiert schwerer an. Bei der anderen Reiterin ist die Schiefe weniger ausgeprägt. Sie sitzt eher „über dem Pferd“ als „drin“, um fein abgestimmte und dem Pferd verständliche Gewichtshilfen geben zu können.

Beide wiesen in der Behandlung ähnliche Steuerungsprobleme auf

Aus meiner Erfahrung heraus weiß ich, dass die Steuerung der Koordination über die Brustwirbelsäule läuft. Weiterhin entscheidet in der Frage der Koordination das Kleinhirn. Es braucht während jeder Aktivität topaktuelle Informationen aus dem Bereich, der arbeitet, um als Feedbackschleife die Ausführung korrigieren zu können: springt das Pferd den Wechsel durch oder springt die Hinterhand nach? Muss ich mehr oder weniger treiben, oder es gerade richten? Vielleicht sollte ich nachgeben, wenn die Halsung des Pferdes nicht gut ist?

Diese Fragen kommen so schnell auf, dass ein guter Reiter intuitiv reagiert. Es sei denn, der Trainer gibt Anweisungen von außen, die ihn bewusst handeln lassen. Wir haben auf dem Pferd nur ein sehr kleines Zeitfenster für die Hilfengebung. Um in einer Wendung oder bei einem Tempowechsel Haltung zu bewahren, müssen wir schnell reagieren,. Dafür braucht es in jeder Phase der Pferdebewegung so viele Steuerungsimpulse an vielen Stellen im Körper des Reiters, dass er sie unmöglich alle bewusst geben kann. Vor allem die Gleichgewichtsfunktion wird reaktiv geschaltet- wir handeln meist intuitiv, um nicht vom zu Pferd fallen.

Mit beiden Reiterinnen habe ich mit neurofunktioneller Integration gearbeitet. Wie es zum Thema passt, lagen die meisten „Lösungen“ für ein bestehendes Schaltungsproblem im Bereich des Kleinhirns. Ich liebe es, wenn sich die theoretischen Überlegungen in der Praxis bewahrheiten. Dann grinse ich über das ganze Gesicht, weil der Körper uns sagt, wie es geht. Wir müssen ihm nur zuhören. Im Anschluss bekamen beide ähnliche Übungen für ein sensomotorisches Training. Sie sollen ihnen helfen, auf dem Pferd beide Gesäßknochen gleichmäßig zu belasten. Nur so können sie stimmige Gewichtshilfen einleiten.

Nun ist der August fast vorbei und ich bin mit meinem Sohn ein paar Tage an der Ostsee

Bei 22 Grad Lufttemperatur und Wind ist es für mich nicht nur eine Frage der Koordination schnell aus dem Wasser in die wärmende Sonne zu kommen. Ich bin eine Frostbeule und bade im Gegensatz zu meinem Sohn eigentlich nur bei 28 Grad aufwärts in der Ostsee. Aber wenn Dir so richtig kalt und die Haut rot vom kalten Wasser ist, kannst Du das Thema Wahrnehmung und Anregung der Tiefensensibilität als erledigt abhaken. Du kannst diese Reize auch gezielt für Dein Körperthema einsetzen.

Wenn Du dazu praktische Anregungen brauchst: Am 16.10.2025 bin ich für ein PM – Seminar zum Thema “Besser Reiten- locker bleiben in Hüfte Knie und Rücken“ (Das ist mein aktuelles FN- Buch: Klick für mehr Informationen auf die Links) im Raum Bremen auf dem Schimmelhof. Dort war ich zuletzt als Jugendliche auf einem Voltigierturnier- so schließen sich Kreise.

Geht es Dir eher um Fitness und Gesundheit ist vielleicht Anfang Oktober die gleichnamige Ergänzungsqualifikation etwas für Dich. Sie findet vom 02.10.- 05.10.2025 auf Rügen in Viervitz statt. Informationen unter dem Link und Anmeldung unter info@reiten-viervitz.de.

Um das Thema gesunder Rücken von Reiter und Pferd und den für beide passenden Sattel geht es am 09.11.2025 in Stadthagen bei Hannover. Die Organisation erfolgt über die Fachgruppe Gesundheitssport mit Pferden – Anmeldungen an vorstand@gesundheitssport-mit-pferden.de.

Nimm´ die Herausforderung an und rücke Deine Tiefensensibilität ins Visier- dann klappt es auch mit der Wechseln 🙂

Einen schönen Spätsommer wünscht,

Corinna von Reitclever

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